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Achtsamkeit – Was Ist Das überhaupt?

Achtsamkeit – Was ist das überhaupt?

Beitrag aus der Blogserie „Achtsamkeit“

Das erste Mal, als ich die Bedeutung von Achtsamkeit wahrnahm, liegt mittlerweile zwanzig Jahre zurück. Gesundheitlich ging es mir schlecht und ich war auf der Suche nach etwas, „das mich in die Ruhe bringen sollte“, wie meine Ärztin meinte. So landete ich beim Yoga – eine damals unbekannte Entspannungsart aus dem fernen Osten.

Während den Übungen sollten wir achtsam unseren Körper spüren, dabei tief und gleichmäßig atmen, uns im Hier und Jetzt spüren und die Konzentration auf „das innere Auge“ lenken.

Da begriff ich zum ersten Mal, dass das Leben nicht nur aus Hektik und Eile bestand.

Was bedeutet Achtsamkeit überhaupt?

Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor an der University of Massachusetts Medical School in Worcester, der Achtsamkeitsmeditation unterrichtet, sagt: „Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen… Es ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss des Lebens zu integrieren, uns wieder mit unserer Weisheit und Vitalität in Berührung zu bringen“. (2007)

Hier und Jetzt anstatt dort und dann

Vielleicht kennen Sie da. Ihr Partner erzählt Ihnen etwas und Ihnen schwirren ganz andere Gedanken durch den Kopf. Das geht vielen von uns so. Entweder stecken wir noch in der Vergangenheit fest, machen uns Sorgen oder denken über eine vergangene Situation nach. Oder wir sind schon wieder im „Morgen“,  überlegen uns, was wir auf der Arbeit zu erledigen haben. Akustisch nehmen wir zwar wahr, dass unser Gegenüber mit uns spricht. Wirklich zuhören tun wir aber nicht.

Da sitzt zum Beispiel ein Paar am Tisch im Restaurant, der Mann beschäftigt sich mit seinem Handy und bemerkt gar nicht, dass seine Frau sein Lieblingskleid trägt, geschweige denn ihr sagt, wie hübsch sie darin aussieht und er sich freut, dass sie es für ihn trägt.

Er ist mit seinen Gedanken ganz woanders – irgendwo im dort. Im entgeht das Jetzt und nimmt die Liebe seiner Frau in diesem Moment gar nicht wahr.

Natürlich kann man dafür Verständnis haben. Allerdings verpassen wir – nicht nur als Paar, auch als Eltern, Kinder, Kollegen oder Chefs – eine weitere Chance, die so wichtig für Beziehung ist: Die Wahrnehmung des gegenwertigen Augenblicks.

Offenheit und Realismus

Die Dinge so zu nehmen, wie sie gerade sind und sich nichts vormachen, auch das bedeutet Achtsamkeit. Immer wieder entstehen in Beziehungen Konflikte aufgrund Erwartungen, was sein „soll“ und durch das Nicht-Akzeptieren, was gerade ist!

Wenn er zum Beispiel später nach Hause kommt, weil er im Stau steht, ist das eine Tatsache, auf deren Ursache er keinen Einfluss hat. Anstatt ihn mit „Nie bist du pünktlich…!“ zu überfallen, sollten wir uns offen zeigen und fragen: „Was war denn los, dass du so spät dran bist?“ Dann kann aus dem Abend trotz dieses Ärgernisses noch ein schöner Abend werden.

Annehmen was ist und Veränderungen einleiten anstatt immer nur über Veränderungen zu reden oder darüber zu fantasieren, was anders sein sollte, bringt Paare in ihrer Entwicklung weiter.

Neugier

„Wie geht es dir?“ Eine beliebte Floskel, deren Antwort wir gar nicht wissen wollen. Oder doch? Sind wir neugierig auf das, was uns unser Gegenüber erzählen möchte? Oder denken wir in Schubladen und glauben, die Antwort zu kennen („Wahrscheinlich geht es ihr eh wieder schlecht!“).

Seien Sie neugierig und interessiert (übrigens: nach der Kommunikation zwei sehr wichtige Eigenschaften zum Gelingen glücklicher Partnerschaften) anstatt an festgefahrenen Erwartungen, die nichts Neues in unser Bewusstsein hineinlassen, zu zerbrechen.

Gelingt es uns, die Realität immer wieder neu zu entdecken, bleibt unsere Beziehung in Schwung und unser Leben spannend.

Wohlwollende Haltung sich selbst und dem Partner gegenüber

Nachdem wir jetzt wissen, was los ist, sollten wir lernen, anzunehmen, was ist. Nicht, wie wir die Dinge gerne hätten. Dazu brauchen wir eine grundsätzlich positive Haltung zur Realität. So ist es und so akzeptiere ich es – jedenfalls zunächst und als erstes.

In der Praxis bedeutet das: Sie bemerken, dass Sie verärgert und/oder enttäuscht sind. Verdrängen Sie Ihr Gefühl nicht. Gestehen Sie sich ein: „Ja, ich bin jetzt enttäuscht!“ Stellen Sie sich aber auch die Frage: Welche Gefühle hat mein Partner zu dieser Situation?

Gleichberechtigung in der Gefühlswelt, wechselseitiges Verständnis füreinander bringt Kontrolle in die Situation. Endlose Konflikte finden keinen Nährboden. Eine akzeptierende und wohlwollende Haltung seinem Gegenüber, mir selbst führt zu einem bewussteren und gelassenen Umgang mit der Situation.

Sie ist eine Voraussetzung für ein weiteres wichtiges Element, das in der Achtsamkeit steckt: Veränderungen,

Veränderungen

Seien wir doch mal ehrlich: Am liebsten wäre uns, wenn der andere sich verändert. Und am besten so, wie es in unsere Welt passt. Das ist einfach und bequem – hat aber mit dem echten Leben nichts zu tun.

Nun sind wir aber Individuen und jeder liebt seine eigene Welt. Die Rechnung geht nicht auf, denn jeder von uns fragt sich: „Warum ich und nicht du?“ Niemand von uns lässt sich gerne verändern.

Gehen wir die Dinge allerdings achtsam an, fragen nach den Gefühlen unseres Partners und erklären ihm dann unsere, haben wir gute Voraussetzungen dafür geschaffen, in Zukunft mit solchen Situationen achtsamer umzugehen. Ohne Angriff und Kampf sind wir alle eher bereit, unser Verhalten zu überdenken. Eine Veränderung fällt gar nicht mehr schwer.

Achtsamkeitsübung Nr. 1

Meine erste Achtsamkeitsübung hat noch gar nicht viel mit der Beziehung zu tun, sondern mit uns selbst. Denn die Eigenwahrnehmung ist eine Grundlage für Achtsamkeit.

  1. Wählen Sie zunächst eine bequeme Haltung im Sitzen, Liegen, Stehen oder auch entspanntes Gehen.
  2. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem, wie er ausströmt und einströmt. Tauchen andere Gedanken auf und wandern woanders hin, holen Sie ihn behutsam wieder zurück und achten wieder auf den Rhythmus Ihres Atems.
  3. Beginnen Sie in Ihrem Atemrhythmus, Ihren Körper wahrzunehmen: zuerst Ihre Füße, wie sie den Boden berühren, Ihr Gewicht, Ihre Schultern, Ihre Arme, Ihren Hals und Ihren Kopf. Wie fühlen sie Ihre Körperteile an, zum Beispiel schwer oder leicht. Bin ich verspannt oder locker, habe ich Schmerzen. Sie brauchen nichts zu änden. Nehmen Sie einfach nur wahr!
  4. Ihre Gedanken werden sich hin und her bewegen. Gefühle steigen auf. Erinnerungen, was gestern war. Fantasien, was morgen sein wird. Wenn Sie das merken, lösen Sie sich davon und konzentrieren sich wieder auf Ihren Atem.

Diese Übung dauert nicht lange, nur wenige Minuten. Aber wenn Sie sie machen – egal ob im Bus, im Auto oder in der Mittagspause – sind Sie ganz bei sich. Sie nehmen wahr!

Voraussetzung ist allerdings – wie alle Übungen, auch im Sport – dass dieses „zu mir selbst finden“ eine tägliche Übung wird. Vielleicht sogar eine, die ich mehrmals am Tag durchführe. Tun Sie es nicht, wird Sie die Unachtsamkeit immer wieder einholen.

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