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Achtsamkeit – Das Zünglein An Der Waage

Achtsamkeit – Das Zünglein an der Waage

Eine kleine Ursache kann eine große Wirkung haben – ein kleiner Reiz kann zu heftigen Reaktionen führen.

Wer als Paar lebt, kennt diese Situation: Eben war noch alles gut, plötzlich ist die Stimmung futsch und ein Streit bahnt sich an. Wenn Sie jetzt zwischen Reiz und Reaktion achtsam und gelassen bleiben, haben Sie gute Chancen eine zufriedenen Beziehung.

Was bedeutet das „zwischen Reiz und Reaktion“? Reiz hat immer etwas mit Emotionen zu tun und wir sind nicht wirklich frei. Das bedeutet, wir handeln nicht aus einem bewussten Entschluss. Vielmehr „überkommt“ uns eine Reaktion, von der wir manchmal selbst überrascht sind.

Eine Alltags-Situation

Lea und Moritz wollen heute Abend ausgehen. Beruflich war viel los, beide haben sich verspätet und sind in Hektik geraten. Auf jeden Fall wollen sie pünktlich auf der Veranstaltung sein.

„Lea, hast Du meine schwarzen Schuhe gesehen?“ fragt Moritz (Reiz). Daraufhin antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: “Warum, bin ich Deine Mutter? Schau selbst nach Deinen Sachen!“ (Reaktion)

Kennen Sie solche Situationen? Dann erahnen Sie sicherlich, wie es weitergehen könnte: Die Stimmung ist im Keller, Moritz wird entweder sauer und schimpft zurück oder verstummt beleidigt.

Was ist passiert?

Obwohl die ärgerlich-anklagende Reaktion von Lea auf den „Reiz“ von Moritz blitzschnell erfolgt, steckt viel mehr Dynamit zwischen den beiden, als wir – und auch Lea und Moritz – im ersten Moment wahrnehmen.

Noch bevor Moritz‘ Frage eine äußere Reaktion bei Lea auslöst, kommen innere Reaktionen in ihr hoch. Das können körperliche Empfinden sein (zum Beispiel errötet sie vor Wut), ungute Gefühle („Schon wieder soll ich mich um ihn kümmern.“), Fantasien („Wie lange soll das so weitergehen, hört das denn nie auf?“) oder andere Gedanken.

In diesem Gehirnschlamassel zwischen Gefühlen, Gedanken und Bildern hat sie dann schließlich auch noch einen „Handlungsimpuls“, um solche „Zumutungen“ endlich zu beenden.

All dies sind „innere Reaktionen“, auf die jetzt erst als Konsequenz die „äußere Reaktion“ folgt: nämlich die harsche Zurückweisung. Sie sehen, dieses einfache Reiz-Reaktions-Schema ist uns gar nicht bewusst.

Achtsamkeit – Das Zünglein an der Waage

Wie schaffen wir es also, in Zukunft achtsam mit diesen Situationen umzugehen? Schauen wir aus Leas Brille auf die Situation:

Will sie die Situation künftig ändern, muss sie zunächst wahrnehmen, was in ihr vorgeht, als Moritz seine Frage stellt und sie ärgerlich reagiert. Wahrscheinlich braucht sie am Anfang eine ruhige Minute, in der sie auf die Situation zurückschauen kann. Ich empfehle meine Klienten, den Vorfall „von oben“, also aus der Vogelperspektive, Revue passieren zu lassen, um eine neue Sichtweise zu erhalten.

Wenn Lea Achtsamkeit lernen will, ist es auf jeden Fall wichtig, sich klar darüber zu werden, was solche und ähnliche Fragen von Moritz bei ihr innerlich auslösen. Mit ein bisschen Übung gelingt es Lea vielleicht bald, in solchen Situationen selbst innezuhalten und wahrzunehmen, welche Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Fantasien und Handlungsimpulse gerade in ihr hochkommen.

Das ist entscheidend! Denn nun hat sie die Wahl und kann überlegen: Will ich meinem Ärger freien Lauf lassen („Deine Frage ärgert mich. Kümmere Dich bitte selbst um Deine Sachen.“) oder antwortet sie sachlich mit „Nein, weiß ich nicht“ oder „Ja, im Schuhschrank.“

Es gibt also immer mehrere Möglichkeiten zwischen Reiz und Reaktion – wir haben die Freiheit, selbst zu entscheiden. Gehen wir selbst achtsam mit uns um, lockern wir eingefahrene Reaktionsmuster und hören auf, angespannte Reiz-Reaktions-Monster zu sein.

Genießen Sie Ihre Freiheit zwischen Reiz und Reaktion

Um die Freiheit zwischen Reiz und Reaktion erleben zu können, müssen wir gewissermaßen zu uns selbst in Distanz gehen. Dann erst können wir beobachten, was gerade um uns geschieht. So gelingt uns ein Perspektivenwechsel.

Wir lösen damit alte Verhaltensmuster aus Gewohnheit und Automatismus und werden steuerbar. Wer seine Gefühle, Gedanken oder Handlungsimpulse gleichzeitig beobachten und reflektieren kann, hat die besten Chancen, sich von ihnen zu befreien.

Da wir unbewusst destruktive Beziehungsmuster bzw. Abläufe, die sich zwischen Paaren immer wieder einstellen, gelernt haben, reicht ein einmaliger Entschluss, die Dinge nun zu ändern, leider nicht aus. Das Einüben von Gelassenheit und Achtsamkeit in schwierigen Situationen muss trainiert werden .- immer und immer wieder!

Die folgende Achtsamkeitsübung soll Ihnen dabei helfen, wie es funktionieren kann:

Achtsamkeitsübung für brenzlige Situationen

Nehmen Sie sich Zeit, wählen Sie Ihren Lieblingsort, an dem Sie ungestört sind und erinnern Sie sich an die letzte „brenzlige“ bzw. ärgerliche Situation mit Ihrem Partner.

Machen Sie sich klar:

  • Was hat er/sie gesagt, getan oder nicht getan, worauf ich gleich sauer reagiert habe?
  • Was geschah in mir, bevor es zu meiner Reaktion kam?
  • Welche Gedanken, Gefühle, Fantasien, Körperempfindungen, Impulse usw. stiegen in mir hoch?
  • Was genau habe ich gemacht? Wie habe ich reagiert? Wie habe ich mich verhalten?
  • Was hat meine Reaktion bei ihr/ihm ausgelöst?
  • Wie hätte ich in dieser Situation anders reagieren können? Welche Reaktion von mir wäre günstiger gewesen?
  • Wie könnte meine Reaktion beim nächsten Mal aussehen entsprechend meiner Erkenntnis heute?

Seien Sie bei Ihrer Übung so präzise wie möglich. Notieren Sie sich alles! Das ist besonders wertvoll für zukünftige Situationen.

Wenn sich Ihr Partner ebenfalls für diese Thematik interessiert, können Sie diese Übung auch gerne mit ihm zusammen durchführen. Zunächst jeder für sich und dann gegenseitig darüber austauschen.

Sie werden viel über sich und Ihren Partner kennenlernen, glauben Sie mir.

Ich wünsche Ihnen ein Menge „Freiheit“.

Bleiben Sie achtsam!

Ihre

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