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Männerrunde – Zwischen Octopus Und Sauerkraut

Männerrunde – Zwischen Octopus und Sauerkraut

 

Mittwoch, 12 Uhr, beim „Italiener um die Ecke“: Ich bin zu Gast bei einer portugiesischen Weinprobe mitten unter Männern. Meine Anwesenheit erweckt Aufmerksamkeit, wie ich sehr schnell bemerke. Denn die Weinprobe findet inmitten einer Männerrunde statt, die sich seit fünfundzwanzig Jahren jede Woche um die gleiche Zeit in diesem Restaurant trifft. So bin ich die erste Frau, die dabei sein darf. „Aha“, denke ich und fühle mich geehrt.

Nachdem wir uns alle höflich vorgestellt haben, wird mir ein Platz inmitten der Runde zugewiesen, direkt gegenüber des „Präsidenten“, wie der Initiator der Gruppe respektvoll vom Restaurantchef genannt wird.

Portugiesischer Wein meets Octopus & Co.

Noch bevor wir alle sitzen, wird schon der erste Weißwein gereicht. Dazu gibt es handgeschöpfter Bergkäse aus Portugal und Brot. Die Stimmung lockert auf, aus dem Small Talk entstehen interessante Gespräche. Die Gläser werden nachgefüllt und ohne dass ich es bemerke, sind wir schon beim zweiten Weißwein.

Immer wieder bringt uns Luigi, der Kellner, neue Köstlichkeiten: Insalata di Fagioli, Pizza, Spagetti mit Kapern, Salbei-Tortellonis. Wie bei „Mama zuhause“ werden die Gerichte herum gereicht und jeder Gast nimmt sich, was er möchte. Dazwischen gibt es immer wieder portugiesischen Wein.

Die Gespräche werden offener, was ohne Frage dem Wein geschuldet ist. Mittlerweile beim „du“ angekommen, philosophieren wir über Ehe, Beziehung und Partnerschaft. Auf die Frage „Wer darf das Fernsehprogramm im Schlafzimmer bestimmen?“ rege ich die Herren an, über andere Möglichkeiten der Zweisamkeit nachzudenken. Sie lachen und sind gar nicht abgeneigt, wenn die Frauen nur mitspielen würden.

Männer sind auch nur Menschen…

… stelle ich fest. In ihrer Männerrunde fühlen sie sich wohl und verstanden. „Einfach nur zusammen sitzen, gut essen und trinken und kein Blatt vor den Mund nehmen müssen“, erzählt mir mein Nachbar, „das ist es, warum wir so gerne hier sind.“

In diesem Moment betritt Luigi den Raum und hält einen ganzen Octopus in die Luft. Applaus ertönt im Restaurant. Die nächste kulinarische Runde wird eingeleitet. Wir sind schon beim Roséwein, zum Octopus und Lammkotelett gibt’s dann den gute Roten. „Ist das immer so opulent bei euren Treffen“, frage ich. „Ja“, erklärt mein Gegenüber, „Essen heißt für uns Geselligkeit und bedeutet echte Lebensqualität.“

„Recht hat er“, schießt mir durch den Kopf und dabei fallen mir die langweiligen Fitness-Salate ein, die sich Frauen immer bei Netzwerktreffen bestellen, um ihre Figur nicht zu ruinieren. So stelle ich fest, dass „Männerrunden“ durchaus sympathische Aspekte haben können.

Als ich auf die Uhr schaue, ist es 14 Uhr. Die kulinarische Südeuropareise neigt sich nach drei Weißweinen, drei Roséweinen und drei Rotweinen langsam dem Ende zu. Die letzten Espressi sind getrunken, die Rechnung bezahlt. Etwas müde und auf jeden Fall satt, nehme ich mir vor, nachhause zu fahren.

Zum Stöffche in die Ebbelwoi-Kneip

Da ertönt die Stimme eines teilnehmenden Gastwirtes: „Jetzt gehen wir noch zu mir einen Absacker trinken!“ Noch bevor ich ernsthaft über eine Entscheidung nachdenken kann, hilft mir mein Nachbar in den Mantel und erzählt mir, dass ich die Gaststube des Freundes unbedingt kennen lernen muss, da sie zu den ältesten der Stadt gehört.

Nur wenige Minuten später befinde ich mich in einer urigen hessischen Apfelwein-Kneipe. Hier gibt’s „Äppelwoi, Rippche un aach Worscht, des aane is zum Futtern, des annere für de Dorscht.“ Am langen Tischende sitzt ein älterer Herr, der seinen Spaß an unserer illustren Runde hat. Schnell steht der „Bembel“ auf dem Tisch und schon wieder werden kulinarische Köstlichkeiten bestellt.

Wie schon beim Italiener, gibt es große Portionen, von denen sich jeder etwas nehmen kann. Mein Teller ähnelt einem Tapas-Teller auf hessische Art: Frankfurter Würstchen, grobe Bratwurst, Handkäs und vor allem Sauerkraut. Dazu ein Stück Wellfleisch. Das schon fast in Vergessenheit geratene Lachsersatzbrot mit Zwiebeln und einem hartgekochtem Ei lasse ich bewusst aus.

„Yes, I can“ – Kulinarische Grenzen überwinden

Zwischen Octopus und Sauerkraut komme ich an meine Grenzen, lasse es mir aber nicht anmerken. Schließlich bin ich Ehrengast und das verpflichtet. So nippe ich fleißig an meinem Apfelweinglas und komme ins Gespräch mit dem älteren Herrn. Unser Thema: Die Ehe. Mit 78 Jahren kann er mir natürlich allerhand darüber erzählen.

Sein Resümee nach über 50 Ehejahren: „Ohne eschtes Intresse, des mär sisch gejeseidisch entgegenbringe sollt, funkzioniert ’s nedd. Doann koammer’s aa soi losse.“ („Ohne echtes Interesse, das man sich gegenseitig entgegenbringen sollte, funktioniert es nicht. Dann kann man es auch sein lassen.“) Ich spüre seine Wehmut und entscheide mich, nicht näher nachzufragen.

Und als würde er es ahnen, fügt er hinzu: „Mei lieb Mädsche, damit Sie in Ihrer Zweisamkeit nedd einsam werrn, pfleje Sie die Zuneischung unn Bewunderung fürananner. Moi Fraa unn isch habbe’s leider verpasst.“ („Damit Sie in Ihrer Zweisamkeit nicht einsam werden, pflegen Sie immer die Zuneigung und Bewunderung füreinander. Meine Frau und ich haben es leider verpasst.“)

Nachdenklich lasse ich meine Blicke in die Runde schweifen und überlege, wie viele der anwesenden Herren wohl genau das in ihren Partnerschaften – sofern sie eine haben –tatsächlich machen und um wie viel ihre Beziehungen glücklicher wären, wenn alle dies beherzigen würden.

Als ich aus meinen Gedanken gerissen werde, winkt als letzter kulinarischer Gruß der „beste Mohnkopf der Stadt“, den ich fast schon mechanisch in mich hinein stopfe. Bei der Verabschiedung habe ich das Gefühl, ein Michelin-Männchen zu sein und schwöre, nie wieder über Fitness-Salate zu lästern.

 

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